Hamburg & Blankenese

Hamburg Blankenese Kaltort 2016

Ort: Hamburg & Blankenese
Bevölkerung: 1.787.408 Einwohner_innen, davon 13.325 in Blankenese
Bezeichnungen: Friee un Hansestadt Hamborg, „Deutschlands Tor zur Welt“ (Deutsches Reich), “Hauptstadt der deutschen Schifffahrt” (Hitler), „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“ (Senat), Stadt im Norden (Die Partei). Blankenese heißt aus dem plattdeutschen („Ness“) übersetzt „Nest“
Stadtmotto: „Hamburg, meine Perle“

Nominiert, weil:
Harmonisch an die Elbe geschmiegt, mit stetem Kriegsschiff-, Container- und Flugzeughandel an die Weltökonomie angebunden, genießt die Hansestadt ihren Ruf als rote Stadt der Sozialdemokratie. Doch wer hinter den ebenso mächtigen wie verfilzten Vorhang von restaurierter Speicherstadt, Stadtgeschichte ala „Hamburg Dungeon“ und bis auf „uns Ole“ fast ununterbrochener SPD-Regierung schielen will, sollte sich die Verstrickungen von Stadt und Bevölkerung in das deutsche koloniale Projekt und den Nationalsozialismus, sowie ihre jeweilige Auf- bzw. Abarbeitung anschauen. Es geht aber auch ein bisschen näher am Jetzt:
Auch in den 2000ern bewies rund ein Fünftel der Stadtbevölkerung, weit vor dem Aufstieg von PEGIDA, AFD und Co. die Bereitschaft mit der Kleinstpartei von Roland Schill den Faschismus ins Rathaus zu hieven. Diese vielvergessene Begebenheit zeichnet ebenso gnadenlos die Untiefen des nach außen hanseatisch-kosmopolitisch auftretenden Bürgertums wie die damaligen Urteile des Richters. Die nicht erst im Wahlkampf gegen Schill weit nach rechts gerückte regierende SPD kann somit heute bei ihrer Law & Order-Politik auf einen durch alte Schill-Kameraden organisierten Polizeiapparat zählen. Gut ergänzt man sich in der Abwehr eines Untersuchungsausschusses über die Umtriebe des #NSU in der Stadt, in der Konzepte wie Anti-Antifa oder Freie Kameradschaften erfunden wurden. Zudem eint sie auch das Bestreben, möglichst viele Geflüchtete davon abschrecken zu wollen, in die Stadt zu kommen. Im Touristenhotspot St. Pauli, im malerischen Hafen mit Blick auf die Docks der altehrwürdigen Blohm & Voss-Werft (unglücklicherweise von den Alliierten doch nicht in Reaktion auf viele Nazi-Kriegsschiffe und gleich 2 KZ-Außenlager gesprengt) wurden zunächst „Lampedusa-Geflüchtete“ ins Fadenkreuz rassistischer Kontrollen genommen. Mittlerweile sind im Netz (twitter: #norphh) seit mehreren Jahren Berichte von alltäglicher Menschenjagd durch die Polizei zu verfolgen, die sich auf einen vermeintlichen Kampf gegen Drogenhandel berufend, bis zur Stürmung eines der Hausprojekte in der Hafenstraße steigerten. Grund der Razzia mit vorgehaltener Maschinenpistole: Die Bewohner_innen boten Wasser und Strom zum Handyladen in ihrem Garten (ebenfalls sehr schöner Ausblick) an. Konsequenterweise beschlagnahmte das stürmende BFE lediglich eine Steckdose.

Ebenfalls viel zu wenig bundesweite Aufmerksamkeit erhielt die besondere Note des gemeinschaftlichen Zusammenschlusses gegen Geflüchtetenunterkünfte. In der Außendarstellung immer darauf bedacht, auf keinen Fall Rassist*innen zu sein, organisierten sich insgesamt 13 Bürgerinitiativen vom Alster-nahen Lehrerviertel Eppendorf bis zum an den sumpfigen Ausläufern des Alten Landes (Apfelkuchen!) liegenden Neugraben unter dem Label „Initiativen für die erfolgreiche Integration Hamburg“. Vereint um Unterkünfte in ihren Stadtteilen zu verschleppen, verhindern oder wenigstens zu verkleinern, bedrohten sie ganz unrassistisch zeitweise 20.000 Plätze für Geflüchtete in der vermeintlichen roten Hochburg. Von nennenswerte Widerständen gegen diese sehr effizient funktionierende „Ausländer raus“-Maschine, die am Ende eine Höchstzahl von 300 Unterkünften mit jeweils höchstens 300 Bewohner_innen in Hamburg durchsetzte, ist uns nichts bekannt.

Etwas mehr Aufmerksamkeit zogen die für das Wohl der Geflüchteten („Es gibt hier doch keinen ALDI“) klagenden Bürger im snobbigen Harvestehude auf sich. Ihre mediale Nachfolge traten die Bürger Blankeneses an. Der Name, der wohl vom plattdeutsche Wort Ness auf „Nest“ zurückgeht, ist Programm. Holocaustleugner und Nazi-Anwalt Rieger fühlte sich hier pudelwohl, die kleinen Treppen, die auf den Sandstrand der Stadt führen sind ebenso bekannt wie die schicken Villen, in die sich das Hamburger Bürgertum aus Stadt zurückzog. Hier schritten sie beherzt zur Tat, blockierten mit ihren Autos die Baustelle der geplanten Geflüchtetenunterkunft, klagten aus baurechtlichen Gründen, was die Gesetzbücher hergaben und entdeckten ihre Leidenschaft für den Naturschutz. Die Bewahrung der 42 Bäume und Gestrüppe auf dem Grundstück wurde zur Herzenssache, für die sogar eine Biologin angegangen wurde, die im Namen der Stadt zu rodende Pflanzen markieren sollte. Die Baustelle steht weiterhin still, stattdessen tobt ein Rechtsstreit im Namen des europäischen Umweltschutzes. Die Ruhe im Elbvorort und seine liberale Offenheit sind Gründe, sich in den dortigen Sterne-Restaurants verwöhnen zu lassen. Oder brandschatzend durch die Straßen zu ziehen.

FAZIT: Wichtig ist in Hamburg immer, dass alles schön bürgerlich liberal aussieht, wenig Flecken an der Weste hinterlässt und sich gut anfühlt – am besten in Abgrenzung zum barbarischen Osten oder gänzlich unbekannten Süden. Das funktioniert bisher ganz gut und dementsprechend unter dem Radar fliegt die Stadt, in der wir noch lange bspw. über den Umgang mit den Lampedusa-Protesten, den in Polizeigewahrsam gestorbenen Jaja Diabi, rassitische Gewalt in Farmsen oder Jenfeld schreiben müssten. Idyllische Einblicke in das Hamburger Innenleben bieten sich immer wieder, absehbar insbesondere im nächsten Jahr, wenn Schills Polizeikader Dudde hauptverantwortlich den G20-Protest zusammenknüppeln lassen darf.

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