Rostock Groß Klein

rostock-grossklein

Ort: Rostock Groß Klein
Bevölkerung: 206.011 Einwohner_innen
Selbstbezeichnung: Hansestadt, älteste Universität im Ostseeraum (1419), Ausrichter der Hanse Sail und des größten Weihnachtsmarktes in Norddeutschland

Nominiert, weil:
Wenige hundert Meter vom Sonnenblumenhaus, dass 1992 durch das rassistische Pogrom in Rostock-Lichtenhagen traurige Bekanntheit erlangt hat, liegt der Rostocker Stadtteil Groß Klein. In diesem Viertel begannen Anfang Juni organisierte Neonazis und rassistische Anwohner_innen Stimmung gegen ein Begegnungszentrum für unbegleitete, minderjährige Geflüchtete zu machen. Das Zentrum liegt mitten im Stadtteil in einem Einkaufskomplex, der auch als beliebter Treffpunkt für die jüngeren und die regelmäßig trinkenden Anwohner_innen fungiert. Angestachelt durch mit falschen Behauptungen gespickte Hetzartikel auf den Facebook-Seiten „Infoflut Rostock“ und „Patrioten Rostock / Rügen / Stralsund“ sammelten sich am Mittwoch, dem 01.06.2016, erstmals Rassist_innen als selbsternannte „Bürgerwehr“ vor der Begegungsstätte und bepöbelten die Geflüchteten.
Anfang des Jahres hatte es bereits im angrenzenden Lichtenhagen eine ebenfalls per Facebook angekündigte Kundgebung gegen eine geplante Geflüchtetenunterkunft gegeben. Den 30 Rassist_innen die am 30.01. dem Aufruf des Sängers der Neonaziband Nordmacht, Thorsten Köhn, gefolgt waren, standen allerdings 300 Gegendemostrant_innen gegenüber und so wurde die Kundgebung nach 20 Minuten aufgelöst. Im Anschluss kam es in Sichtweite der anwesenden Polizist_innen zu Übergriffen von Neonazis auf Antifaschist_innen ohne dass die Polizei eingriff.
Anders als bei der Kundgebung in Lichtenhagen war der rassistische Spuk in Groß Klein nicht nach einem Tag vorbei. Am 02.06. mobilisierten die Rassist_innen erneut. Alarmiert durch die Ereignisse des Vortages versammelten sich Antirassist_innen vor dem Begegnungszentrum und stellten sich dem pöbelnden Mob entgegen. Dieser zog später unter rassistischen Parolen und „Sieg Heil“-Rufen durch das Viertel und attackierte zwei Geflüchtete. Nach einer antifaschistischen Demonstration mit ca. 180 Teilnehmer_innen am Folgetag, blieb es am Samstag ruhig. Am Sonntag, dem 05.06., tauchten erneut 40 Rassist_innen vor der Begegnungsstätte auf und entrollten eine Deutschlandfahne. Wie schon an den Vortagen reagierte die Polizei nicht. Erst als sich eine Gruppe von 30 Antifaschisten_innen der Ansammlung näherte, wurden die Beamt_innen aktiv. Sie jagten die Antirassisten_innen, die dabei von einer Anwohner_in mit Blumentöpfen beworfen wurden, und nahmen einen Großteil der Gruppe in Gewahrsam. Die bürgerliche Presse übernahm unkritisch die Darstellung der Polizei, die den Vorfall als einen versuchten Angriff auf „sogenannte Asylkritiker“ bezeichnete. Am folgenden Wochenende versuchte ein zivilgesellschaftliches Bündnis mit einer antirassistischen Demonstration, an der sich 600 Menschen beteiligten, und einem Straßenfest die Anwohner_innen zu erreichen.
Trotz erhöhter Polizeipräsenz im Viertel kam es in der Folge immer wieder zu rassistischen Vorfällen und zur Störung einer Bürgerschaftssitzung durch Neonazis. Nachdem die jungen Geflüchteten bereits vorher vorübergehend in andere Unterkünfte verbracht worden waren, entschied der Sozialsenator Steffen Bockhahn (Die Linke) Ende Juli auf Druck des Innenministeriums unter Leitung von Lorenz Caffier (CDU) die Begegnungsstätte zu schließen. Zusätzlich wurden sämtliche Pläne für eine Unterkunft für Flüchtlingsfamilien im Viertel gestoppt.
Seit dem ist es keineswegs ruhig geworden um die Rassist_innen von Groß Klein. Unter anderem verbrannten Ende Oktober Neonazis öffentlich Koranseiten. Am 17.12. attackierte eine Frau zwei junge Syrer_innen und schlug dabei einem 14-jährigem Mädchen ins Gesicht. Solche Angriffe sind in Rostock leider keine Einzelfälle.

FAZIT:
Die öffentlichen Vertreter_innen der Hansestadt Rostock haben sich bereits 2015 bei der Bewältigung der Aufgaben im Zusammenhang mit der großen Anzahl an Flüchtlingen, die Rostock als Zwischenstopp auf dem Weg nach Schweden nutzten, fast völlig auf ehrenamtliches Engagement verlassen. Das war in Groß Klein nicht anders. Zusätzlich entschied man sich aber auch noch vor dem rassistischen Mob einzuknicken.

(Vielen Dank für diesen Beitrag an die Gruppe No Turning Back aus Rostock!)

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