Kreuzberg halts Maul! – Gegen rassistische Proteste im christlichen Gewand

Am Dienstag, 24.1., um 17 Uhr wird es eine Bürgerversammlung der evangelischen Diakonie zum Bau einer Geflüchteten-Unterkunft in Kreuzberg geben. Bereits seit Längerem agiert eine Bürgerinitiative gegen diese von der Diakonie geplante Bebauung der Bergmann-Friedhöfe und hat dabei angeblich bereits 3.500 Unterschriften gesammelt. Die Initiative argumentiert dabei in reaktionärer Manier mit “christlichen Traditionen” und der Sorge vor “Kulturzerstörung”. Da der Bürgerinitiative bisher kein Protest entgegen gesetzt wurde, haben wir ein kritisches Flugblatt entworfen, das ihr anbei findet. Wir freuen uns, wenn ihr am Dienstag zur Bürgerversammlung in der Passionskirche Kreuzberg (Marheinekeplatz 1) kommt.
Sorgt unübersehbar und lautstark dafür, dass Rassist_innen und christliche Menschenfeind_innen dort nicht ihre Stimme erheben können!

Kreuzberg halts Maul!

Gegen rassistische Proteste im christlichen Gewand.

Standard in Deutschland: eine Unterkunft von Geflüchteten soll gebaut werden, sofort regt sich Protest. Eine Bürger_innen-Initiative wird gegründet, Unterschriften gesammelt, mehr oder weniger verpackt rassistische Argumente rausgeholt. Man befürchtet eine “sich offenbar im Eiltempo vollziehenden Abschiednahme von traditionellen christlichen Werten“ oder eben eine Entwertung der eigenen Grundstücke. Nicht zuletzt drohe die Zerstörung „wertvolle[r] ökologische[r] Nischen”. Schlussendlich wird eine Bürger_innenversammlung angesetzt, bei der die künftigen Betreiber der Geflüchteten-Unterkunft sich für ihr Vorhaben gegen wütende Anwohner_innen verteidigen müssen.
Ein Szenario, wie es in den letzten Jahren tausendfach in Deutschland zu beobachten war. Nun auch in Berlin-Kreuzberg: im Bergmannkiez will die evangelische Diakonie am Rande eines Friedhofs eine Geflüchteten-Unterkunft bauen. Seitdem geht die Initiative “Keine Bebauung – für den Erhalt der Bergmannfriedhöfe in Kreuzberg” auf die Barrikaden und hat nach eigenen Angaben bereits 3.500 Unterschriften gesammelt [1]. Auf den Unterschriftenlisten wurde schamhaft verschwiegen, dass es sich bei dem Bauvorhaben um eine Unterkunft handelt. In der Presse lässt die Initiative scheinheilig verlauten: “Wir sind ja nicht gegen Flüchtlinge, sondern nur gegen die Bebauung“ [2].
Auch wenn wir sowohl die fremdbestimmte Unterbringung von Geflüchteten in Lagern – sogenannten Sammelunterkünften – als auch die paternalistische Flüchtlingspolitik der christlichen Kirchen ablehnen: der Protest der Bürgerinitiative richtet sich, ob gewollt oder nicht, eindeutig gegen die Geflüchteten und ihre Interessen. Wenn auch die Bürger_innen-Initiative nicht offen rassistisch agiert, argumentiert sie mit ihrem Schwadronieren von einem “groben Akt der Kulturzerstörung”, “christlichen Traditionen” und “Erlösung” doch zumindest kulturpessimistisch. Letztlich geht es um die “Reinhaltung” des eigenen Kiezes. Nicht zufällig wird die Initiative angeführt von dem Ethnologen Klaus Lückert, der sich v.a. der Erforschung der deutschsprachigen Siebenbürger Sachsen in Rumänien widmet. In einem Interview mit dem “Ostpreußenblatt” der rechten “Landsmannschaft Ostpreußen” aus dem Jahr 2000 beklagt er deren “Unterdrückung nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Verschleppungen und Enteignungen”, ohne die aktive Beteiligung vieler Siebenbürger Sachsen an den deutschen Verbrechen als Wehrmachts- und Waffen-SS-Mitglieder zu erwähnen. Besonders fasziniert Lückert an seinem Forschungsobjekt: “In Siebenbürgen gibt es nicht dieses aufgesetzte multikulturelle Getue wie in Deutschland. Niemand versucht, so viele englische Wörter wie möglich in einen Satz zu packen, sondern man hält beim Umgang mit Angehörigen des eigenen Volkes an seiner Sprache und seinen Gepflogenheiten fest. […] In geringer Zahl gab es zwar immer ethnische Identitätswechsel […] aber der große Kern des jeweiligen Volkes blieb unter sich und trug seine Kultur in die Zukunft” [3].
Es verwundert mittlerweile nicht mehr, dass sich gegen diesen christlich inspirierten, menschenverachtenden Mist kein Protest in Kreuzberg regt, stattdessen sogar Hunderte oder Tausende ihre Unterschrift gegeben haben. Die antimoderne Christen-Rhetorik fügt sich wunderbar in das entpolitisierte Weltbild vieler Kreuzberger_innen, die sich für liberal und tolerant halten – jedoch mit ihrem Faible für SlowFood, Meditation, ökologisches Gärtnern und Strahlenvermeidung de facto eine reaktionäre Gemeinschaft anstreben. Hauptsache ökologisch korrekt und der Müll wird getrennt! Wie moralisch verkommen insbesondere der Bergmannkiez ist, zeigt sich auch darin, dass sich kein nennenswerter Protest gegen den nur wenige hundert Meter entfernten Friedhof Lilienthalstraße erhebt, den zentralen Gedenkort für die Wehrmachtssoldaten in Berlin [4] – aber die geplante Bebauung eines ungenutzten Friedhofsackers wird als Bedrohung der eigenen Lebensweise wahrgenommen. Die Lebenssituation von geflüchteten Menschen und der Fakt, dass ein Leben im Bergmannkiez deutlich angenehmer als am Stadtrand ist, wird hingegen ignoriert.
Wir sind der Ansicht, dass Deutsche – ob in Heidenau oder Hamburg-Blankenese, in Bautzen oder Berlin-Kreuzberg – kein Recht haben, über die Wohnorte von Geflüchteten zu diskutieren. Bürger_innen-Versammlungen dieser Art haben für uns einen grundsätzlich rassistischen Charakter, selbst, wenn dort scheinbar Wohlmeinende auf dem Podium den wütenden Deutschen im Publikum beizubringen versuchen, dass auch Geflüchtete Menschen sind. Geflüchtete sind keine Objekte, über deren Schicksal von Dritten in öffentlichen Versammlungen diskutiert werden kann, sondern Individuen, die alle Möglichkeiten für ein gutes und selbstbestimmtes Leben erhalten sollen.
Unsere Forderungen lauten daher:
  • sofortige Auflösung der Bürgerinitiative “Keine Bebauung – für den Erhalt der Bergmannfriedhöfe in Kreuzberg”
  • die Umsiedlung aller reaktionären Christ_innen und Rassist_innen aus Kreuzberg an einen abgelegenen und gut gesicherten Ort, an dem sie keine Geflüchteten gefährden können
  • die konsequente Zerschlagung aller rassistischen Netzwerke, ob auf Facebook, am Stammtisch, im Stadtteil, Betrieb oder in der Politik
  • die Abschaffung aller Grenzen und freie Entscheidung über den Aufenthaltsort inklusive einer schönen und geräumigen Wohnung nach eigener Wahl für alle Menschen, ob Geflüchtete oder Nicht-Geflüchtete
Eure Ängste und Sorgen sind Rassismus!
deutschland demobilisieren – eine Gruppe der NFJ Berlin
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