München: Rassistisches Mord-Motiv verleugnet

Weitgehend unbemerkt hat die Polizei die Ermittlungen im Fall von David S., der letztes Jahr in München neun Menschen und sich selbst erschoss, eingestellt. Fazit der Polizei: David S. habe zwar ein “rechtsextremes Weltbild” gehabt, sein Motiv für die Tat sei aber Rache an mobbenden Mitschüler_innen gewesen. Einem Artikel der SZ lässt sich entnehmen, dass diese vorgenommene Trennung in einen hitler-grüßenden, Türken-hassenden AfD- und Breivik-Fan einerseits, ein unpolitisches Tatmotiv andererseits völlig unsinnig ist:
“Davids Rachegefühle und Hass richteten sich freilich ausschließlich gegen Personen mit ausländischen Wurzeln und Migrationshintergrund – vor allem gegen “türkisch-, albanisch- und balkanstämmige Jugendliche, die er für das erlittene Mobbing verantwortlich machte”. Mit einem falschen Facebook-Profil versuchte der 18-Jährige, genau solche Jugendliche am Tatnachmittag in den McDonald’s an der Hanauer Straße zu locken. Niemand folgte der Einladung, auch nicht die drei Mitschüler von einst, die David gequält hatten und die er an diesem Tag offenbar ebenfalls töten wollte. Und doch hatten fast alle Opfer des Todesschützen Migrationshintergrund, stammten aus albanischen oder türkischen Familien.”
[http://www.sueddeutsche.de/muenchen/oez-untersuchungsbericht-muenchner-amokschuetze-war-rechtsextrem-gesinnt-1.3480126]

Ein Anwalt der Angehörigen hatte bereits im März die Polizei kritisiert und Parallelen zu den NSU-Ermittlungen gezogen: „Offenbar möchten Staatsanwaltschaft und Polizei die Schuld bei den Opfern suchen, offenbar sollen auf abwegige Art politische Motive ausgeschlossen werden … „Das erinnert mich sehr an die Ermittlungen zur Ceska-Mordserie. Da haben die bayerischen Behörden ja auch keine rassistischen Hintergründe erkennen wollen und stattdessen unter dem Stichwort ‚Dönermorde‘ jahrelang eine falsche Spur ins türkische kriminelle Milieu verfolgt. .. „Wir sind von der Staatsanwaltschaft angelogen und getäuscht worden“, kritisiert er und zieht erneut eine Parallele zum NSU-Fall: „Auch hier werden den Hinterbliebenen ihre gesetzlichen Rechte verweigert, auch hier werden sie von Informationen abgeschnitten. … Angesichts der fragwürdigen Tradition dieser Behörden werden wir ganz sorgfältig prüfen müssen, ob die Ermittler wirklich alle möglichen Hintergründe der Tat gründlich untersucht haben und ob auch hier wieder – wie im NSU-Verfahren – politisch Einfluss genommen wurde auf das Ergebnis der Ermittlungen”
[http://www.fr.de/politik/terror/amoklauf-in-muenchen-zweifel-am-mobbing-motiv-a-1242978]

Auch die bayerische Landespolitik einigt sich auf die entpolitisierende Deutung der Polizei:
“Im Landtag entstand .. keine ernsthafte Debatte über den Einsatz. Einzig Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze stellte einige Fragen zu den Konsequenzen aus dem Einsatz und der rechten Gesinnung des Täters. Die anderen Fraktionen griffen das nicht auf, sondern bedankten sich nur bei der Polizei – und attackierten die Grüne Schulze. “Jetzt kleinteilig Kritik zu üben geht an der Sache vorbei”, sagte etwa Paul Peter Gantzer (SPD).”
[https://linksunten.indymedia.org/de/node/211257]

Erneut wird also von der Polizei ein auf der Hand liegendes rassistisches Tatmotiv nicht ernst genommen, die Staatsanwaltschaft arbeitet gegen die Betroffenen, und die Politik übt sich im autoritären Buckeln vor der Exekutive. Auch eine kritische Öffentlichkeit ist kaum wahrnehmbar, die komplette linke sonst so polizei-kritische Szene scheint zu schweigen – uns ist einzig ein Kommentar aus der Zeitschrift “konkret” bekannt:

http://konkret-magazin.de/hefte/heftarchiv/id-2017/heft-52017/articles/scheisskanaken.html

Advertisements