Anmerkungen zum Statement des Conne Island – Text aus Phase2.54

Für die Phase2 Nr. 54 haben neben anderen Gruppen auch wir einen Text zur Debatte um das Conne Island geschrieben, den ihr im Folgenden findet. Wir empfehlen euch den Kauf der aktuellen Phase-Ausgabe – geht dazu auf http://www.phase-zwei.org/kaufen/ oder in den linken Buchladen eures Vertrauens.

Anmerkungen zum Statement des Conne Island

Es wurde schon viel gesagt in Reaktion auf den Text des Conne Island Plenums unter dem Titel „Ein Schritt vor, zwei zurück“. Wir teilen viele der Kritiken an den Inhalten und Formulierungen des Statements, wie sie bspw. vom HATE mag oder dem sprachlos blog geübt wurden. Hauptpunkt ist dabei, dass der Text des Conne Island Plenums rassistische und sexistische Stereotype reproduziert.

Unser Ziel ist es an dieser Stelle nicht im Nachgang zu belehren, sondern unsere grundlegenden Überlegungen zu dieser äußerst schwierigen Debatte darzustellen, einige Leerstellen des Statements aufzuzeigen und Ansätze für eine andere Analyse des beschriebenen Problemfelds zu wagen. Für uns sind dafür folgende Fragen zentral: Wie kann Sexismus – auch von Geflüchteten/nicht-weißen Männern im Kontext linker und sich als emanzipatorisch verstehender Orte thematisiert werden, ohne im rassistischen Mainstream mit zu schwimmen? Wie ist eine solche Auseinandersetzung möglich – vor dem Hintergrund der Debatten, die nur noch unter den Methaphern „Köln“ oder „Freiburg“ geführt werden und unter Berücksichtigung der Folgen für Frauen*, für Geflüchtete und für andere Menschen, die von Rassismus betroffen sind? Wie blenden diese rassistischen Debatten nicht nur weiße Täter aus, sondern in noch stärkerem Maße die vielfältigen Formen sexualisierter Gewalt, der insbesondere geflüchtete Frauen* und Kinder im Umfeld von Unterkünften von Seiten der Securities, durch Angehörige der Dominanzgesellschaft und durch andere Geflüchtete ausgesetzt sind? Was ist mit einer politischen Solidarität mit Geflüchteten gemeint und welche Herausforderungen sind damit verbunden?

Nebst der bereits formulierten Kritik erstaunte uns insbesondere die Verwunderung und das Entsetzen der Verfasser*innen ob der hämisch positiven Reaktionen aus der bürgerlichen und rechten Presse. Wir lesen das Statement des Conne Island als gekränkt anmutenden Hilferuf mit Appellcharakter. Deshalb können wir dieses scheinbare Überrascht-Sein und die unkritische Rhetorik des Textes bestenfalls als Ausdruck politischer Naivität verstehen. Die Verfasser*innen lassen nicht nur die Debatten um „Köln“ außer Acht. Auch die Diskussionen um den Zugang für Geflüchtete im Clubkontext sind bereits an anderer Stelle geführt worden– bspw. die Zutrittsverbote für Geflüchtete im linksalternativen Club „White Rabbit“ in Freiburg. Weiterhin wird nicht berücksichtigt, dass das Conne Island noch immer in Sachsen liegt, der momentanen Hochburg der rassistisch-völkischen Bewegung. Vom Conne Island, einem Ort mit einem linksradikalen Selbstverständnis, würden wir solche Kontextualisierungen erwarten, beispielsweise in einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit den aktuellen Verhältnissen in Sachsen.

Schon der unkritische Einstieg und die positive Bezugnahme auf eine häufig paternalistische „Willkommenskultur“ ist problematisch und suggeriert einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den sexistischen Vorfällen und dem Besuch der Partys durch vermeintlich oder real geflüchtete Menschen. In dem Text wird versucht, diese Übergriffe und Gewaltvorfälle durch kulturalistische Zuschreibungen und Ressentiments zu erklären. Das Problem des Sexismus wird zentral verknüpft mit der Frage der vermeintlichen Herkunft und eines „anderen kulturellen“ Backgrounds „dieser Männer“. Bestehender Sexismus auch in linken Strukturen wird dadurch unsichtbar gemacht. Doch Sexismus und sexualisierte Gewalt sind generell in Clubs ein großes Problem und es ist wichtig, diese klar zu benennen und dagegen vorzugehen. Linke Clubs und Szeneläden sind davon leider nicht ausgenommen, auch wenn sie einen anderen Anspruch und im besten Fall Awareness-Strukturen haben. Es sollte dabei außer Frage stehen, dass Security und Tür konsequent durchgreifen – egal, wer die Täter sind. Für die Betroffenen von Sexismus und sexualisierter Gewalt spielt es keine Rolle, welche Hintergründe und Motive die Täter haben – es geht um einen klaren Support und Schutz der Betroffenen. Ihnen gilt unsere uneingeschränkte Solidarität. Wäre es dem Conne Island Plenum um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Sexismus und den Formen sexistischer Anmachen und Gewalt gegangen, so hätten sie einen anderen Text schreiben müssen. In ihrem Statement fällt zudem die homogenisierende Rede von „den Geflüchteten“ auf. Ja, auch unter Geflüchteten gibt es, ebenso wie unter Otto-Normalbürger*innen und Linken, sexistische, homophobe, rassistische und antisemitische Arschlöcher – genauso wie Menschen, die eben aufgrund von sexistischen, patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen aus ihren Herkunftsregionen geflohen sind. Ähnlich undifferenziert scheinen die Autor*innen auch die Solidarität zu verstehen, die sie mit „den Geflüchteten“ zeigen woll(t)en. Die Idee des „Refugee-Fuffzigers“ ist ein Versuch, Geflüchteten den Zugang zu linken Räumen zu ermöglichen. Während der Großteil des Publikums über linke Szene und entsprechende Ansprüche angesprochen werden, müssen diese nun weder geteilt, noch überhaupt gekannt werden. Zudem wird der Eintrittspreis vergünstigt, was den Club auch für Diejenigen interessanter macht, die ihn eigentlich nicht besuchen wollen würden. Für sie ist das Conne Island also in erster Linie ein Club, der auch für Menschen offen ist, die zu anderen Partys in der Stadt eben häufig keinen Zugang haben. Dieses solidarische gedachte Prinzip, Menschen qua (vermeintlicher oder realer) Gruppenzugehörigkeit einen finanziellen Rabatt für Clubs zu ermöglichen, hat deutliche Grenzen. Das zeigt sich beispielsweise,  wenn es auf andere linke Themenfelder bezogen wird. So wäre vermutlich keine*r auf die Idee gekommen, als Reaktion auf die Hartz4-Reformen plötzlich ohne weitere Einschränkungen allen ALG-2-Empfänger*innen Vergünstigungen und Einlassgarantie ins CI zu gewähren. Keine*r erwartet von Leuten, nur weil sie gerade Sozialleistungen empfangen, dass sie dadurch automatisch die Ansprüche eines sich als emanzipatorisch verstehenden Clubs teilen. Warum sollte das bei Geflüchteten anders sein?

Im Text selbst wird schon die Problematik skizziert, wie schwierig es ist, an der Clubtür darüber zu entscheiden, wer unter dem Label geflüchtete Person fast umsonst rein darf und wer nicht. Die Praxis eines solchen Soli-Beitrags schließt eher an eine oft paternalistische Willkommenskultur an und bleibt auf der monetären/humanitären Ebene von Solidarität stehen, anstatt über emanzipatorische Konzepte nachzudenken. Eine politische Solidarität mit Geflüchteten bedeutet jedoch auch immer, Menschen als Subjekte wahr- und ernst zu nehmen. Hieraus kann ein Dilemma entstehen: Geflüchtete als politische Subjekte ernst zu nehmen und sich mit ihnen als Betroffene von kapitalistischen und rassistischen Strukturen zu solidarisieren, kann eben auch bedeuten, sich mit anderen politischen Haltungen und Wünschen als den eigenen konfrontiert zu sehen. Oder anders gesagt: Mit Blick auf die restriktive und rassistische Asylpolitik gilt der Slogan „Refugees welcome“ eben nicht nur für politisch genehme Geflüchtete, sondern erst einmal ebenso für Sexist*innen, Assad-Anhänger*innen, Islamisten oder stalinistische Vollidiot*innen. Hier zeigen sich die Ambivalenzen zwischen einer antirassistischen,antifaschistischen Solidarität und einer gleichzeitig notwendigen linksradikalen Kritik und Praxis. Der schon beinahe reflexhafte Zwang mancher Linker, entstehende Probleme und Differenzen mit verallgemeinernden kulturellen Gegebenheiten bestimmter Regionen und Religionen zu begründen, ist zu kurz gegriffen und problematisch mit Blick auf einen gesellschaftlichen rassistischen Mainstream. Als Beispiel dafür seien einige linksradikale Kritiken an „dem Islam“ bzw. „den Muslimen“ benannt, die nahtlos an rassistische und auch sexistische Diskurse anschließen. Die Debatten um Sexismus von Geflüchteten zeigen deutlich: Bei der Suche nach Erklärungen werden zentrale Fragen nach einer Konstituierung von Männlichkeiten und damit zusammenhängende soziale und ökonomische Perspektiven, wie auch der Status und die Lebensbedingungen von Geflüchteten ausgelassen.

Das Conne Island Statement hatte das formulierte Ziel, eine Debatte innerhalb linker Räume anzustoßen. Eine Debatte finden wir äußerst sinnvoll und wichtig. Dabei sehen wir es jedoch als unbedingt notwendig an, dass eine solche Debatte den gesamtgesellschaftlichen Rassismus wie auch gängige rassistische Diskurse und Zuschreibungen im Blick hat. Die Auseinandersetzung um Sexismus im Clubkontext und linken Räumen muss geführt werden und eben nicht erst dann wieder aufgemacht werden, wenn als „anders“ markierte Personen auftauchen.

Wir wollen mit einigen Fragen und Perspektiven für eine linke Praxis im Clubkontext abschließen: Wer steht an der Tür eines Clubs und wer nicht? Wie können Menschen mit anderen backgrounds und Perspektiven auch in eine Türpolitik einbezogen werden? Wie können linke Orte und ihr Anspruch, möglichst diskriminierungsarme Räume zu sein, für alle Menschen verständlich gemacht werden? Damit verbunden sind ganz praktische Fragen von sprachlicher Vermittlung und Kommunikation ebenso wie ein sensibles Publikum und Awareness-Strukturen auf Partys, die bei Übergriffen reagieren. Wie können insbesondere linke, feministische geflüchtete Menschen in linke Strukturen und Räume einbezogen werden, über einen „Refugee-Fuffziger“ hinausgehend? Das wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer wirklichen Öffnung des Conne Islands und einer Auseinandersetzung mit Sexismus und anderen -ismen im Partykontext, die solidarisch ist mit den Betroffenen.

Gruppe demob – deutschland demobilisieren

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