ALLEIN SCHON INTEGRATION

Eine Anmerkung zum Stellenwert der ‘Integration’ in der Debatte um den Widerstand gegen eine Abschiebung in Nürnberg

Zu Nürnberg wurde schon viel gesagt und geschrieben – jetzt kommen wir auch mal damit ums Eck:
Erstmal Props an die Schüler*innen, Passant*innen und Aktivist*innen dort, die letzte Woche die Abschiebung eines Mitschülers nach Afghanistan vorläufig verhindern konnten.
Was wir aber vehement kritisieren möchten ist folgendes: Es wurde vielfach argumentiert, dass die Abschiebung des jungen afghanischen Nürnbergers falsch sei, weil er ’gut integriert’ sei. Der junge Mann ist Berufsschüler und hat einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Lohnarbeit ist in der aktuellen Gesellschaft tatsächlich ein, wenn nicht sogar der, zentrale® Integrationsfaktor. Der Zugang zur Lohnarbeit und die Positionierung in der (Mehrheits-)Gesellschaft sind sehr eng miteinander verknüpft und bedingen sich auch gegenseitig. So weit so scheiße!
Aufenthaltsrechtlich gesehen ist das sozialversicherungspflichtige Lohnarbeitsverhältnis auch für Migrant*innen eine der wenigen Möglichkeiten um einen legalen und stabilen Aufenthaltsstatus zu erlangen. Nun fordert die Bundesregierung von zugewanderten Menschen Integrationsbemühungen – und die guten Willkommens-Deutschen finden es auch wichtig, dass Menschen aus anderen Herkunftsländern ‘sich integrieren’. Aber was heißt das dann genau?
Deutsch sprechen und prekärer Lohnarbeit nachgehen? Die christlichen Feiertage kennen? Gerne Vollkornbrot essen? Oder doch Hard Topics wie der angeblich so fantastitische Umgang mit Antisemitismus oder Sexismus im freieheitlichen Deutschland?
Hier fragen wir uns dann sofort – wie gut sind eigentlich die meisten Deutschen integriert?
An dem Beispiel des abzuschiebenden Berufsschülers aus Nürnberg wird eine rassistische Doppelmoral sichtbar: Menschen, die als ‘Andere’ markiert sind, werden aufgefordert, sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft zu verhalten – gleichzeitig werden politisch und gesellschaftlich Bedingungen geschaffen, die es ihnen beinahe verunmöglichen, genau das zu tun. Migrant*innen dürfen häufig nicht arbeiten, sie haben nur bedingt Zugang zu Deutschkursen und begrenzte Sozialkontakte mit deutsch Sprechenden und sind ständig den verschiedensten Formen von Rassismus ausgesetzt.
Integration darf keine gesellschaftlich akzeptierte Begründung dafür sein, Menschen nicht abzuschieben und sie somit nicht in den Tod zu schicken. Denn diese so genannte ‘gute Integration’ ist ein Paradoxon und funktioniert nur für die Mehrheitsgesellschaft, nicht aber für ‘die Anderen’.

Wir fordern Abschiebungen zu stoppen und humanitäre Lebensbedingungen für Migrant*innen in Deutschland zu schaffen: Ganz einfach durch die Aufgabe all der gängelnden, vereinzelnden und krank machenden Sondergesetze, die gegen Geflüchtete in Anschlag gebracht werden. Solidarität statt Integrationsimpetus!

Advertisements