Erster Jahrestag der rassistischen Morde von München

Heute jähren sich die neun rassistischen Morde am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München zum ersten Mal.

Am 22.07.2016 erschoss ein junger Mann am Münchner OEZ neun Menschen. Daraufhin ging eine Terrorwarnung und eine Welle der Empörung durch die (sozialen) Medien. Nach mehreren Stunden war klar, dass die Tat kein Terroranschlag, sondern ein so genannter Amoklauf eines Einzeltäters war. An dieser Stelle begann das mediale Interesse an dem Fall bereits zu schwinden. Nach mehreren Tagen war klar, dass es sich bei den Opfern um vermeintliche Nicht-Deutsche handelte. Die Vermutung eines rassistischen Attentates lag also nahe – nicht aber für die Ermittlungsbehörden. Die Polizei konnte bei den Morden kein rassistisches Motiv erkennen, hier zeigen sich Parallelen zu den Ermittlungen einige Jahre zuvor in der Mordserie des NSU. Das ist nicht verwunderlich: Laut Kölner Kurier war der gleiche Fallanalytiker in die Ermittlungen im Fall NSU eingebunden, der auch im Münchner Fall zuständig war [1].

Mittlerweile wurden die Ermittlungen in den neun Mordfällen abgeschlossen und die rassistische Motivation und die neonazistische Gesinnung des Täters belegt. [2] Trotzdem wird ziemlich konsequent von einem Amoklauf oder von neun Morden und einem Selbstmord gesprochen. Selten wird die Tat als das benannt, was sie den vorliegenden Informationen nach sein sollte: Eine rassistischer Mehrfachmord.

Beinahe pünktlich zum Jahrestag hat das ZDF eine Dokumentation veröffentlicht.[3] Sie zeigt die Perspektive der Familie von Armela Segashi, die von David S. ermordet wurde. Der Dokumentation gelingt es, der Opferperspektive Raum zu geben. Die Familie Segashi wird in der Doku als das dargestellt wird, was sie vermutlich ist: Eine trauernde Familie nach einem Verlust. Der Vater äußert sich mit den Worten: “Ich habe keine Sekunde an den Täter gedacht, der interessiert mich nicht.” Als Vater der ermordeten Armela Segashi ist das mehr als legitim. Das ZDF als Medienorgan sollte sich im Rahmen dieses Dokumentarfilme jedoch dafür interessieren, wer der Täter ist und was seine Motive waren. Aber die Doku erwähnt lediglich die üblichen Erklärungsmuster: die psychische Belastung durch das erfahrene Mobbing als Mordmotiv. Der Grund, dass David S. scheinbar nicht nur von herkunftsdeutschen Jugendlichen gemobbt wurde, wird als Begründung angeführt, dass sein Tatmotiv nicht im Rassismus begründet liegt. Vielmehr habe bei S. durch das Leid, das ihm zugefügt wurde, eine Generalisierung stattgefunden, die sich in tödlichem Hass auf Menschen manifestierte, an denen er ähnliche Merkmale wie an seine Mobber*innen ausmachen konnte…

Hier zeigt sich erneut, wie so oft in Deutschland, wie absurd Tatmotive und ihre Begründungen eigentlich konstruiert werden, um Rassismus nicht sehen und benennen zu müssen.

[1] http://www.ksta.de/politik/auslaender-im-visier-muenchener-amoklaeufer-war-rechtsextrem-27786906
[2] http://www.sueddeutsche.de/muenchen/amoklaeufer-david-s-kranker-geist-rassistischer-hass-1.3538747
https://www.facebookcorewwwi.onion/deutschland.demobilisieren/posts/1437682329645337
[3] https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/schatten-des-verbrechens-der-amoklauf-am-oez-muenchen-102.html

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