Schwerin

Schwerin Kaltort 2016

Ort: Schwerin
Bevölkerung: 96.800 Einwohner_innen
Selbstbezeichnung: Stadt der sieben Seen, Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern und Sitz des Landtages, Ausrichter der Bundesgartenschau 2009

Nominiert weil:
Abgesehen von den massigen „MVgida“ Aufmärschen und dem „Dachverband Deutschland wehrt sich“ (DWS), rund um die stadtbekannten Neonazis David B. und Torsten S., kam es dieses Jahr fast monatlich zu rassistischen Angriffen gegen Geflüchtete und Antifaschisten/Innen.
Im Februar kam es am 05.02. um 17:43 Uhr in der Straßenbahn zu einem Angriff auf einen 22-jährigen Mann aus Syrien. Zwei Männer beleidigten ihn zunächst, doch die Schläge ließen nicht lange auf sich warten. Die Täter verließen anschließend die Straßenbahn. Jedoch wurden die beiden von der Überwachungskamera aufgenommen. Die Polizei fahndete nach den beiden Täter. Allerdings hörte man nie wieder davon.
Am Nachmittag des 23.03. kam es in der Marienplatzgalerie am Marienplatz zu Provokationen und Pöbeleien. Eine Gruppe bestehend aus fünf Rassist/innen aus dem Umkreis des „DWS“ filmten nach ihr Auffassung „südländisch aussehende Personen“ und bedrängten diese. Bevor die Situation eskalieren konnte ging der Sicherheitsdienst der MAG dazwischen. Jedoch wurde die Polizei bereits alarmiert. Uwe Wilfert, der zu der Zeit Oberbürgermeisterkandidat und ebenfalls Mitglied des DWS war, musste seine Personalien der Polizei übergeben. Derweilen postete David B. munter Falschmeldungen. Damit nicht genug, rief er zu einem Treffen im Stadtteil Lankow auf um Präsenz zu zeigen. Sieben Personen begaben sich dann mit der Straßenbahn wieder in die Innenstadt. Hier stieg die Anzahl der Rassisten/innen auf 15. An diesem Abend kam allerdings zu keinen weiteren Zwischenfällen.
Der nächste Vorfall ereignete sich im Mai am 03.05. drei Neonazis schlugen im Stadtteil Dreesch auf einen 25-jährigen Schweriner ein. Grund war, dass er die drei auf die von ihnen gezeigten Hitler-Grüße ansprach und sie bat dies zu unterlassen. Offensichtlich reichte dies als Provokation aus um ihn zu attackieren.
Einen Monat später, am 03.06., verübten unbekannte Täter/innen einen Brandanschlag auf das Schild des Flüchtlingsrates in der Goethestraße.
Am 25.07., gegen 23:30 Uhr gab es einen Angriff auf das linke Kultur- und Wohnprojekt „Komplex“. Die Angreifer/innen sind dem Umfeld der rassistischen Gruppierung „Deutschland wehrt sich“ zuzuordnen, dies lies sich schnell aufgrund von Kfz-Kennzeichen sowie der Sichtung einzelner bekannter Personen aus diesem Umfeld herausfinden. Im Konvoi von vier Autos fuhren sie vor das Haus und spielten laut rechte Musik ab. Einzelne Nazis versuchten sich zum Haus Zugang zu verschaffen, mussten aber aufgrund des konsequenten Auftretens der Bewohner/Innen schnell die Flucht ergreifen.
Am Abend des 01.08. provozierten einige DWS-Mitglieder eine Gruppe Jugendlicher. David B. hatte sich mit einem weißem Bettlaken verkleidet und unter „Allahu Akbar“-Rufen einen Rucksack in die Gruppe geworfen. Anschließend bepöbelten die Rassist/innen die Jugendlichen und filmten sie dabei. Die Polizei beendete die Auseinandersetzung.
Vom 26.-28.08. fand in Schwerin das Drachenbootfestival am Pfaffenteich statt. Besonders abends, zieht es die eher rechtsgerichteten Gestalten in den Bann des Festivals mit Volksfestcharakter. Am Freitag, den 26.08. kam es dann zu Jagdszenen auf Geflüchtete. Gegen 01.30 Uhr wurde eine fünfköpfige Gruppe junger Menschen von einem rassistischen Mob verfolgt. Die Zahl der Angreifer/ innen ist jedoch unbekannt. Eindeutig war jedoch, dass sie in der Überzahl waren. Die Geflüchteten konnten sich auf ein nahegelegenes Grundstück retten. Doch leider keine gute Rettung. Hier wurden sie mit Glasflaschen, Steinen und Holzbalken beworfen. Anwohner/Innen alarmierten die Polizei. Diese hielt es jedoch nicht für nötig sich der Sache möglichst schnell anzunehmen. Sie konnten gerade mal den offensichtlich alkoholisiertesten Angreifer stellen. Während die Polizei die Personalien des Angreifers feststellte, rief dieser Morddrohung in Richtung der jungen Geflüchteten und deren Familien aus. Angeblich soll er in Gewahrsam genommen worden sein.
In der Zeit vom 09.09. bis Sonntag, dem 11.09., kam es gleich zu mehreren Angriffen. Freitagnacht wurde gegen 01:00 Uhr auf dem Marienplatz, nahe dem Altstadtfest, eine Gruppe Geflüchteter von einem Nazimob angegriffen. Am Samstagabend wurden erneut auf dem Marienplatz Geflüchtete von einer Gruppe Neonazis attackiert. Danach konnten die Täter auf dem Altstadtfest weiter feiern, während die Geflüchteten jedoch von der Polizei festgesetzt wurden. Später am Abend beschloss eine Gruppe Neonazis, die eindeutig dem „Deutschland wehrt sich“-Umfeld zugerechnet werden konnte, die Besucher/Innen des Skatecontestes im Stadtteil Lankow mit Pyrotechnik anzugreifen. Teilweise wurde diese direkt in die Menschenmengen geschossen. Nach einer kleineren Auseinandersetzung ging diese Situation größtenteils gut aus.
Am 20.09. kam es zu einem besonders geschmacklosen Angriff. Zwei Syrer im Alter von 13 und 18 Jahren wurden von mehreren unbekannten Angreifer/innen mit einer Waffe bedroht. Dem 18-Jährigen wurde außerdem von mindestens einem der unbekannten Täter mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Im Verlauf des Streits zog einer der Täter einen „pistolenähnlichen Gegenstand“ und richtete ihn auf den 18-Jährigen. Der Täter reichte die Waffe anschließend an eine Frau, die damit auch den 13-Jährigen bedrohte. Diese rief zu dem ausländerfeindliche Parolen. Die beiden Jugendlichen konnten schließlich entkommen. Die Rassisten/Innen flohen.
Vom 28.09.-01.10. kam es wieder zu mehreren Angriffen auf Geflüchtete. Sie wurden durch Straßen gejagt und zusammengeschlagen und getreten. Gerade der Brennpunkt Marienplatz kommt in den Tagen sehr oft zur Sprache. Hier kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Rassist/innen und Geflüchteten. Immer wieder wird von Verletzten berichtet.

FAZIT:
Schwerin gibt sich nach außen weltoffen und tolerant doch die Realität ist weit davon entfernt. Grade in den Randgebieten Lankow und Dreesch sind Geflüchtete alles andere als gern gesehen. Und wenn mal kein Aufmarsch der Neonazistischen Gruppierungen ansteht, wird irgendwo die nächste Hetzjagd geplant. Somit haben sie sich definitv als Kaltort des Jahres nominiert.

Vielen Dank an die Gruppe No Turning Back aus Rostock für diesen Beitrag!

Köthen

 Köthen Kaltort 2016

Ort: Köthen
Bevölkerung: 26.519 Einwohner
Selbstbezeichnung: Welthauptstadt der Homöopathie, Bachstadt
Stadtmotto: “KÖTHEN- ANHALTen und erleben!”

Nominiert weil:
Köthen ist eine Kleinstadt im Süden von Sachen-Anhalt. Obwohl Sachsen-Anhalt auch als das “Land der Frühaufsteher” bekannt ist, hat man in Köthen doch so einiges verpennt. Denn hier konnte sich über die letzten Jahre eine militante Neonazi-Szene bilden, die immer wieder durch gewalttätige Aktionen auffällt. Seien es rassistische Übergriffe, Brandanschläge auf Asylunterkünfte oder Bedrohungen: Für jedes kalte und braune Herz wird hier was geboten. Auch antirassistische Filmveranstaltungen werden durch die hiesige Neonaziszene gestört und die BesucherInnen angegriffen. Was sich in einem Drecknest wie Köthen entwickelte, ist mittlerweile auch zum städtischen Exportschlager geworden. Die Gewalt durch die Neonazis tragen sie auch durch Teile der
Republik. So berichteten in der Vergangenheit immer wieder
JournalistInnen in Sachsen und Thüringen davon, dass sie durch Köthener Neonazis bedroht werden. Wenn die Neonazis doch mal keine Lust auf Schlägerein haben, schänden sie auch gerne den lokalen jüdischen Friedhof. Die Gruppe, welche in der Stadt Narrenfreiheit genießt, soll einem Bericht zufolge aus etwa 10 Neonazis bestehen. Mit Bravour wird in Köthen den großen Vorbildern Zwickau, Bautzen und Heidenau nachgeeifert. Aus diesen Gründen hat es Köthen verdient im #Kaltort-Ranking2016
teilzunehmen. Vom Stadtmotto “KÖTHEN- ANHALTen und erleben!” raten wir übrigens ab, ein paar antifaschitische Interventionen im Ort begrüßen wir jedoch.

Mehr zu Köthen:

München

München Kaltort 2016

Ort: München
Bevölkerung: 1 542 886 Einwohner_innen
Selbstbezeichnung: Mia san München – die schönste Stadt im Land! Weißwurstcity und Oktoberfestmetropole

Nominiert weil: #München ist nicht nur heiße Anwärterin im #Kaltortranking, weil CSU-Politiker_innen trotz rechter Hetze hier gut integriert sind.
Statistisch ist München die sicherste Stadt mit mehr als 200 000 Einwohner_innen deutschlandweit. So wird auch alles dafür getan, die Müncher_innen vor potentiellen Gewalttaten und Übergriffen zu schützen. Nein – dazu wird natürlich nicht das Oktoberfest, auf dem jährlich zahlreiche Frauen sexuell belästigt und vergewaltigt werden und schwere Körperverletzung, Diebstahl- und Raubdelikte Tagesgeschäft sind, abgesagt. Sondern es wird im Stadtteil Neuperlach eine 4-Meter hohe Mauer um eine Geflüchtetenunterkunft gebaut um die Anwohner_innen vor Belästigung zu schützen. Dass diese Mauer nicht ‘Wunsch der Stadt’ war, sondern von Nachbar_innen in einem 2-Jährigen Prozess erstritten wurde, lässt bezüglich des rassistischen Konsens in der bayerischen Hauptstadt tief blicken.
Es erstaunt nicht wirklich, dass sich Münchens Polizei ähnlich schwer damit tut, rassistische, antisemitische, antiziganistische Mordmotive zu erkennen, zu benennen und letztendlich auch zu ahnden, wie die Kollegen_innen in dem anderen deutschen Freistaat.
So gingen die Münchner Polizei und Medien am 22. Juli 2016 bei einer Schießerei im OEZ zuerst von einem Terroranschlag aus. Bei der anschließenden offiziellen Umdeklaration in eine Amoktat dominierten Vermutungen und Informationen über die psychische Gesundheit des Täters die Berichterstattung. Dass David S. ein überzeugter Nazi war und versucht hat, seine potentiellen Opfer gezielt zum Tatort zu locken, wurde nur randständig erwähnt. Eine daraus resultierende Auseinandersetzung mit den rassistischen und antiziganistischen Mordmotiven hat nie stattgefunden. Dafür wurde der Gedenkort am OZE, den Angehörige der Opfer errichtet haben kurz vor Weihnachten weg gekehrt (sic!)1.
Noch weniger ist über ein möglicherweise antiziganistisches Motiv der Brandstiftung in der Dachauer Straße zu erfahren: bei dem Brand Anfang November sind ein Mann und seine beiden Töchter ums Leben gekommen. Das Haus war laut Medienberichten von “osteuropäischen Wanderarbeitern” bewohnt. Weder wurden die bisher Täter ermittelt noch entsprechende Tatmotive thematisiert. Dafür können sich die geistigen Brandstifter_innen, sich am 26.12.2016 nach dem Münchner Tatort mal wieder in ihre antiziganistischen Projektionen einer “Bettelmafia” alpträumen. Dass die jahrelange antiziganistische Hetze gegen vermeintliche “Armutszuwanderer” immer wieder zu Brandanschlägen mit Mordabsicht führt, stört scheinbar nicht weiter.

Fazit: München spielt nicht nur im Fußball vorne mit, sondern auch im Bezug auf die rassistische Zusammenarbeit von Politik, Staat, Medien und Bevölkerung. Rechte Hetze auf höchstem Niveau: Mia san München – mia brauchen koi AFD, mia können des besser!

1 Ein Kehrmaschine fuhr über den Gedenkort. https://www.tz.de/muenchen/stadt/empoerung-andenken-amoklauf-opfers-weggekehrt-7168923.html

Rostock Groß Klein

rostock-grossklein

Ort: Rostock Groß Klein
Bevölkerung: 206.011 Einwohner_innen
Selbstbezeichnung: Hansestadt, älteste Universität im Ostseeraum (1419), Ausrichter der Hanse Sail und des größten Weihnachtsmarktes in Norddeutschland

Nominiert, weil:
Wenige hundert Meter vom Sonnenblumenhaus, dass 1992 durch das rassistische Pogrom in Rostock-Lichtenhagen traurige Bekanntheit erlangt hat, liegt der Rostocker Stadtteil Groß Klein. In diesem Viertel begannen Anfang Juni organisierte Neonazis und rassistische Anwohner_innen Stimmung gegen ein Begegnungszentrum für unbegleitete, minderjährige Geflüchtete zu machen. Das Zentrum liegt mitten im Stadtteil in einem Einkaufskomplex, der auch als beliebter Treffpunkt für die jüngeren und die regelmäßig trinkenden Anwohner_innen fungiert. Angestachelt durch mit falschen Behauptungen gespickte Hetzartikel auf den Facebook-Seiten „Infoflut Rostock“ und „Patrioten Rostock / Rügen / Stralsund“ sammelten sich am Mittwoch, dem 01.06.2016, erstmals Rassist_innen als selbsternannte „Bürgerwehr“ vor der Begegungsstätte und bepöbelten die Geflüchteten.
Anfang des Jahres hatte es bereits im angrenzenden Lichtenhagen eine ebenfalls per Facebook angekündigte Kundgebung gegen eine geplante Geflüchtetenunterkunft gegeben. Den 30 Rassist_innen die am 30.01. dem Aufruf des Sängers der Neonaziband Nordmacht, Thorsten Köhn, gefolgt waren, standen allerdings 300 Gegendemostrant_innen gegenüber und so wurde die Kundgebung nach 20 Minuten aufgelöst. Im Anschluss kam es in Sichtweite der anwesenden Polizist_innen zu Übergriffen von Neonazis auf Antifaschist_innen ohne dass die Polizei eingriff.
Anders als bei der Kundgebung in Lichtenhagen war der rassistische Spuk in Groß Klein nicht nach einem Tag vorbei. Am 02.06. mobilisierten die Rassist_innen erneut. Alarmiert durch die Ereignisse des Vortages versammelten sich Antirassist_innen vor dem Begegnungszentrum und stellten sich dem pöbelnden Mob entgegen. Dieser zog später unter rassistischen Parolen und „Sieg Heil“-Rufen durch das Viertel und attackierte zwei Geflüchtete. Nach einer antifaschistischen Demonstration mit ca. 180 Teilnehmer_innen am Folgetag, blieb es am Samstag ruhig. Am Sonntag, dem 05.06., tauchten erneut 40 Rassist_innen vor der Begegnungsstätte auf und entrollten eine Deutschlandfahne. Wie schon an den Vortagen reagierte die Polizei nicht. Erst als sich eine Gruppe von 30 Antifaschisten_innen der Ansammlung näherte, wurden die Beamt_innen aktiv. Sie jagten die Antirassisten_innen, die dabei von einer Anwohner_in mit Blumentöpfen beworfen wurden, und nahmen einen Großteil der Gruppe in Gewahrsam. Die bürgerliche Presse übernahm unkritisch die Darstellung der Polizei, die den Vorfall als einen versuchten Angriff auf „sogenannte Asylkritiker“ bezeichnete. Am folgenden Wochenende versuchte ein zivilgesellschaftliches Bündnis mit einer antirassistischen Demonstration, an der sich 600 Menschen beteiligten, und einem Straßenfest die Anwohner_innen zu erreichen.
Trotz erhöhter Polizeipräsenz im Viertel kam es in der Folge immer wieder zu rassistischen Vorfällen und zur Störung einer Bürgerschaftssitzung durch Neonazis. Nachdem die jungen Geflüchteten bereits vorher vorübergehend in andere Unterkünfte verbracht worden waren, entschied der Sozialsenator Steffen Bockhahn (Die Linke) Ende Juli auf Druck des Innenministeriums unter Leitung von Lorenz Caffier (CDU) die Begegnungsstätte zu schließen. Zusätzlich wurden sämtliche Pläne für eine Unterkunft für Flüchtlingsfamilien im Viertel gestoppt.
Seit dem ist es keineswegs ruhig geworden um die Rassist_innen von Groß Klein. Unter anderem verbrannten Ende Oktober Neonazis öffentlich Koranseiten. Am 17.12. attackierte eine Frau zwei junge Syrer_innen und schlug dabei einem 14-jährigem Mädchen ins Gesicht. Solche Angriffe sind in Rostock leider keine Einzelfälle.

FAZIT:
Die öffentlichen Vertreter_innen der Hansestadt Rostock haben sich bereits 2015 bei der Bewältigung der Aufgaben im Zusammenhang mit der großen Anzahl an Flüchtlingen, die Rostock als Zwischenstopp auf dem Weg nach Schweden nutzten, fast völlig auf ehrenamtliches Engagement verlassen. Das war in Groß Klein nicht anders. Zusätzlich entschied man sich aber auch noch vor dem rassistischen Mob einzuknicken.

(Vielen Dank für diesen Beitrag an die Gruppe No Turning Back aus Rostock!)

Hamburg & Blankenese

Hamburg Blankenese Kaltort 2016

Ort: Hamburg & Blankenese
Bevölkerung: 1.787.408 Einwohner_innen, davon 13.325 in Blankenese
Bezeichnungen: Friee un Hansestadt Hamborg, „Deutschlands Tor zur Welt“ (Deutsches Reich), “Hauptstadt der deutschen Schifffahrt” (Hitler), „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“ (Senat), Stadt im Norden (Die Partei). Blankenese heißt aus dem plattdeutschen („Ness“) übersetzt „Nest“
Stadtmotto: „Hamburg, meine Perle“

Nominiert, weil:
Harmonisch an die Elbe geschmiegt, mit stetem Kriegsschiff-, Container- und Flugzeughandel an die Weltökonomie angebunden, genießt die Hansestadt ihren Ruf als rote Stadt der Sozialdemokratie. Doch wer hinter den ebenso mächtigen wie verfilzten Vorhang von restaurierter Speicherstadt, Stadtgeschichte ala „Hamburg Dungeon“ und bis auf „uns Ole“ fast ununterbrochener SPD-Regierung schielen will, sollte sich die Verstrickungen von Stadt und Bevölkerung in das deutsche koloniale Projekt und den Nationalsozialismus, sowie ihre jeweilige Auf- bzw. Abarbeitung anschauen. Es geht aber auch ein bisschen näher am Jetzt:
Auch in den 2000ern bewies rund ein Fünftel der Stadtbevölkerung, weit vor dem Aufstieg von PEGIDA, AFD und Co. die Bereitschaft mit der Kleinstpartei von Roland Schill den Faschismus ins Rathaus zu hieven. Diese vielvergessene Begebenheit zeichnet ebenso gnadenlos die Untiefen des nach außen hanseatisch-kosmopolitisch auftretenden Bürgertums wie die damaligen Urteile des Richters. Die nicht erst im Wahlkampf gegen Schill weit nach rechts gerückte regierende SPD kann somit heute bei ihrer Law & Order-Politik auf einen durch alte Schill-Kameraden organisierten Polizeiapparat zählen. Gut ergänzt man sich in der Abwehr eines Untersuchungsausschusses über die Umtriebe des #NSU in der Stadt, in der Konzepte wie Anti-Antifa oder Freie Kameradschaften erfunden wurden. Zudem eint sie auch das Bestreben, möglichst viele Geflüchtete davon abschrecken zu wollen, in die Stadt zu kommen. Im Touristenhotspot St. Pauli, im malerischen Hafen mit Blick auf die Docks der altehrwürdigen Blohm & Voss-Werft (unglücklicherweise von den Alliierten doch nicht in Reaktion auf viele Nazi-Kriegsschiffe und gleich 2 KZ-Außenlager gesprengt) wurden zunächst „Lampedusa-Geflüchtete“ ins Fadenkreuz rassistischer Kontrollen genommen. Mittlerweile sind im Netz (twitter: #norphh) seit mehreren Jahren Berichte von alltäglicher Menschenjagd durch die Polizei zu verfolgen, die sich auf einen vermeintlichen Kampf gegen Drogenhandel berufend, bis zur Stürmung eines der Hausprojekte in der Hafenstraße steigerten. Grund der Razzia mit vorgehaltener Maschinenpistole: Die Bewohner_innen boten Wasser und Strom zum Handyladen in ihrem Garten (ebenfalls sehr schöner Ausblick) an. Konsequenterweise beschlagnahmte das stürmende BFE lediglich eine Steckdose.

Ebenfalls viel zu wenig bundesweite Aufmerksamkeit erhielt die besondere Note des gemeinschaftlichen Zusammenschlusses gegen Geflüchtetenunterkünfte. In der Außendarstellung immer darauf bedacht, auf keinen Fall Rassist*innen zu sein, organisierten sich insgesamt 13 Bürgerinitiativen vom Alster-nahen Lehrerviertel Eppendorf bis zum an den sumpfigen Ausläufern des Alten Landes (Apfelkuchen!) liegenden Neugraben unter dem Label „Initiativen für die erfolgreiche Integration Hamburg“. Vereint um Unterkünfte in ihren Stadtteilen zu verschleppen, verhindern oder wenigstens zu verkleinern, bedrohten sie ganz unrassistisch zeitweise 20.000 Plätze für Geflüchtete in der vermeintlichen roten Hochburg. Von nennenswerte Widerständen gegen diese sehr effizient funktionierende „Ausländer raus“-Maschine, die am Ende eine Höchstzahl von 300 Unterkünften mit jeweils höchstens 300 Bewohner_innen in Hamburg durchsetzte, ist uns nichts bekannt.

Etwas mehr Aufmerksamkeit zogen die für das Wohl der Geflüchteten („Es gibt hier doch keinen ALDI“) klagenden Bürger im snobbigen Harvestehude auf sich. Ihre mediale Nachfolge traten die Bürger Blankeneses an. Der Name, der wohl vom plattdeutsche Wort Ness auf „Nest“ zurückgeht, ist Programm. Holocaustleugner und Nazi-Anwalt Rieger fühlte sich hier pudelwohl, die kleinen Treppen, die auf den Sandstrand der Stadt führen sind ebenso bekannt wie die schicken Villen, in die sich das Hamburger Bürgertum aus Stadt zurückzog. Hier schritten sie beherzt zur Tat, blockierten mit ihren Autos die Baustelle der geplanten Geflüchtetenunterkunft, klagten aus baurechtlichen Gründen, was die Gesetzbücher hergaben und entdeckten ihre Leidenschaft für den Naturschutz. Die Bewahrung der 42 Bäume und Gestrüppe auf dem Grundstück wurde zur Herzenssache, für die sogar eine Biologin angegangen wurde, die im Namen der Stadt zu rodende Pflanzen markieren sollte. Die Baustelle steht weiterhin still, stattdessen tobt ein Rechtsstreit im Namen des europäischen Umweltschutzes. Die Ruhe im Elbvorort und seine liberale Offenheit sind Gründe, sich in den dortigen Sterne-Restaurants verwöhnen zu lassen. Oder brandschatzend durch die Straßen zu ziehen.

FAZIT: Wichtig ist in Hamburg immer, dass alles schön bürgerlich liberal aussieht, wenig Flecken an der Weste hinterlässt und sich gut anfühlt – am besten in Abgrenzung zum barbarischen Osten oder gänzlich unbekannten Süden. Das funktioniert bisher ganz gut und dementsprechend unter dem Radar fliegt die Stadt, in der wir noch lange bspw. über den Umgang mit den Lampedusa-Protesten, den in Polizeigewahrsam gestorbenen Jaja Diabi, rassitische Gewalt in Farmsen oder Jenfeld schreiben müssten. Idyllische Einblicke in das Hamburger Innenleben bieten sich immer wieder, absehbar insbesondere im nächsten Jahr, wenn Schills Polizeikader Dudde hauptverantwortlich den G20-Protest zusammenknüppeln lassen darf.

Bautzen

Bautzen Kaltort 2016

Ort: Bautzen
Bevölkerung: 39.849 Einwohner
Selbstbezeichnung: Stadt des Senfs
Stadtmotto: Viele Türme. Gute Aussicht.

Nominiert weil:
Bautzen du besondere sächsische Perle auf dem Hügel über der Spree. Stadt der gold-gelben Creme, die auf keiner deutschen Wurst fehlen darf.
#Bautzen das sind 2 Sprachen, 8 Museen, 17 Türme, 80 Innenstadt-Kneipen, über 200 Saurier. Heissa auf nach Bautzen! Auf dem Kornmarkt könnt ihr auf Alexander Ahrens, den Bürgermeister dieser pittoresken Stadt treffen, ein Mann der für jedes Belang ein offenes Ohr hat und sich auch “zu einem sachlichen Gespräch“ mit Anti-Asyl-Initiativen wie “Nationale Front Bautzen”, “streambz#fotografie” oder “rechtes-kollektiv.BZ” „(…) immer bereit” zeigt (September 2016). So trifft er auf den einen oder die andere Bautzner*in mit viel Tagesfreizeit und Bierdurst und hört sich deren aktive und passive Freizeitvorschläge für sich selbst und Menschen, die nicht so recht in deren Weltbild passen, an. Hier gleichmal eine Kostprobe in sächsischer Mundart: „heut abend is wieder Asylis klatschen uffa Platte“ „und denn ab innen Steinbruch mit dene oder gleich heeme“. Im September diesen Jahres kam es zur ersten Hetzjagd auf junge Geflüchtete. Die sächsische Polizei hat sich bei gewaltsamen Aktionen gegen Geflüchtete und deren Unterstützer*innen in der Vergangenheit (September 2016 ) nicht als Spielverderberin gezeigt und durch ihr Nichteinschreiten sowie das Verbreiten von Falschmeldung dafür gesorgt, dass jene rassistische Gewalt nicht nur Ankündigungen auf Facebook bleiben. Eine zweite Hetzjagd auf Geflüchtete folgte im November, als Reaktion gab es Hausverbote für die Opfer und ein weiteress Gespräch mit den Jagenden. Das Traditionshotel ,,Husarenhof“ ist leider schon seit Januar 2016 geschlossen, nach einem rechtsradikalen Brandanschlag im Februar steht es auch als Unterkunft für Geflüchtete nicht mehr zur Verfügung steht. Bautzen ist eine Stadt mit echter nationaler ,,Heimatfreunde“ über die es noch so viel mehr zu berichten gäbe.
Fazit: Bautzen bettelt um weitere überzeugende Besuche und bietet eine erlebnisreiche Zeit im Herzen der Oberlausitz. Mit Bautzen als Startpunkt kann das Oberlausitzer Bergland oder das Biosphärenreservat Heide-Teichlandschaft erkundet werden oder schlichtweg die Stadt selbst als Schaukasten für den rassistsischen Normalzustand (ost)deutscher Kleinstädte.

Zwickau

Zwickau Kaltort Ranking 2016

Ort: Zwickau
Bevölkerung: 91.123 Einwohner_innen
Selbstbezeichnung: Automobilstadt, Robert-Schuhmann-Stadt, Reformationsstadt

Nominiert, weil:
#Zwickau wurde nominiert, da der #NSU hier gut integriert in seiner Nachbarschaft leben konnte. Neonazis standen in der Stadt zur Unterstützung bereit und die Nachbarschaft in Polenz- und Frühlingsstraße akzeptierte die neu Zugezogenen schnell in ihrer Mitte. Die rassistische Mordbande konnten sich in Zwickau bewegen wie ein Fisch im Wasser. Ein breites Netzwerk ermöglichte dem NSU einen komfortablen Rückzugsort, trotz eines Lebens im ‘Untergrund’. Neben starken Neonazistrukturen verschaffte gerade die Mischung aus nachbarschaftlicher Ignoranz und Akzeptanz dem NSU einen freien Rücken. Dieses Zusammenwirken von menschenfeindlicher Bevölkerung, staatlichen Institutionen und organisierten Neonazis ist nicht etwa Vergangenheit: bis heute schafft diese Kollaboration ein Klima der Angst für alle, die nicht ins Bild der vermeintlichen Volksgemeinschaft passen. Ein Autofahrer versuchte bereits im Januar Geflüchtete zu überfahren. Mehrfach in 2016 protestierten in Zwickau über 1.000 Demonstrant_innen gegen die Einrichtung von Geflüchtetenunterkünften, zudem gab es im Mai einen Brandanschlag auf eine solche Unterkunft. Rassist_innen störten ebenso massiv Bundesjustizminister Maas bei einem Auftritt am 1. Mai wie auch einen Rundgang der Oberbürgermeisterin Findeiß im August. Anfang September präsentierte sich die Stadt auf dem “Tag der Sachsen” stolz mit einem in Zwickau produzierten Auto – das Auto wurde von der Zwangsarbeiter versklavenden Firma Horch nur zwischen 1938 und 1940 produziert, eine lupenreine Nazi-Karre also. OB Findeiß wiederum war sich nicht zu schade, vor dem sächsischen NSU-Untersuchungsausschuss Ende September rumzuopfern: “Die Bezeichnung “Zwickauer Terrorzelle” hat uns sehr gestört”. Bei einer antifaschistischen Demonstration im November kam es zu Hitlergrüßen, in der Polenzstraße wurde die Demo von Anwohner_innen bepöbelt. In den Folgetagen wurde eine Installation zum Gedenken an die NSU-Opfer binnen 48 Stunden mehrfach beschädigt.

Fazit:
Zwickau hat besondere Verdienste in der Kategorie Drecksnest aufzuweisen, weil auch fünf Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU Stadtpolitik, Bevölkerung und weite Teile der Zivilgesellschaft zwischen Ignoranz, Mitmachen und rassistischer Hetze pendeln. Nichts gelernt, und davon die Hälfte wieder vergessen = Zwickau, Stadt des NSU.

Weitere Informationen:
https://www.facebook.com/deutschland.demobilisieren/photos/a.788459607900949.1073741828.775242239222686/1200503486696557/?type=3